Kopf- und Rücken-Schmerzen in der Schwangerschaft auch an eine funktionelle Kiefergelenks- und Wirbelsäulenstörung denken! - Eine Fallbeschreibung

M. Hülse - Univ.Prof., Leiter der Abteilung für Neurootologie, Universitätsklinikum Mannheim
B. Losert-Bruggner - Master im International College of Cranio-Mandibular Orthopedics (ICCMO.de)

Abstract:

Die vorgestellte Kasuistik mit der ausgeprägten Schmerzsymptomatik lässt erkennen, dass eine Schwangerschaft eine bestehende CMD dekompensieren lassen kann. Es ist bisher nicht zu entscheiden, ob die hormonelle Bandlockerung direkt die Craniomandibulä-re Störung auslöst, oder aber die CMD nur Folge der Becken- und Wirbelsäulenstörung ist. Die interdisziplinäre Behandlung der Kopfgelenksstörung und der CMD mit einer Auf-bissschiene kann auch in der Schwangerschaft eine medikamentenfreie erfolgreiche The-rapie ermöglichen.

Stichworte:

Craniocervicale und craniomandibuläre Dysfunktion in der Schwangerschaft. Kopfgelenk-störung. Niedrigfrequente TENS-Therapie. Gesichtsschmerzen. Rückenschmerzen.

Kopf-, Gesichts-, Nacken- aber auch Rückenschmerzen sind häufig sehr therapieresistent. Als Ursache derartiger Schmerzen findet sich oft eine funktionelle Störung im Wirbelsäu-len- und im Beckenbereich aber auch eine craniomandibulären System. Frauen sind hier-von etwas häufiger betroffen, so dass ein prädisponierender hormoneller Faktor vermutet und durch verschiedene Untersuchungen auch bestätigt wurde. So konnten Lee et al (25) einen Einfluss von Östrogen auf die Bandstruktur und –funktion nachweisen. Oestrogen und Progesteron beeinflussen während des Menstruationszyklus die Stabilität und die Bandlockerung (10) Die klinische Relevanz dieser Untersuchungen wird deutlich, wenn Wojtys et al. (34) in der Ovulationsphase eine größere Verletzbarkeit des Bandapparates des Knies als in der Lutealphase statistisch gesichert beschreiben. Im Gegensatz zum Bandapparat konnte eine hormonelle Schwankung während des Zyklus auf die Muskulatur nicht nachgewiesen werden (17,18).

Ein hormoneller Einfluss auf den Band- und Gelenksapparat ist während der Schwanger-schaft natürlich wesentlich ausgeprägter nachweisbar. Der weibliche Organismus muss sich in der Schwangerschaft an den wachsenden Embryo anpassen, der Bandapparat lo-ckert sich. Diese Lockerung des Bandapparates ist in jüngster Zeit durch verschiedene Untersuchungen wissenschaftlich untermauert worden (5,6, 8,9,10,11,22).  Auch Marnach und Mitarb. (27) unterstreichen, dass eine Gelenkschlaffheit in der Schwangerschaft zu-nimmt , wobei  Oestradiol, Progesteron oder Relaxin  keinen statistisch gesicherten Ein-fluss haben, so dass ein Einfluss weiterer Faktoren auf die Bandlockerung vermutet wer-den muss. So konnte auch Schauberger et al. (30) besonders für Relaxin kein direktes Korrelat für die Gelenksschlaffheit nachweisen.

Kopf-, Gesichts-, Nacken- aber auch Rückenschmerzen in der Schwangerschaft stellen nun aus vielerlei Gründen ein besonderes Problem dar. Einerseits führt die Belastung durch den vorgewölbten Bauch ab dem 6., 7. Schwangerschaftsmonat zu einer besonde-ren Belastung der Lendenwirbelsäule, so dass nahezu jede Schwangere in diesem Ab-schnitt unter Rückenschmerzen leidet. Derartige Schmerzen werden wie die in den ersten Monaten auftretenden Übelkeit und Kopfschmerzen als „physiologisch“ angesehen. Die verschiedenen Schmerzbilder in der Schwangerschaft werden sehr schnell als „normal“ bezeichnet und daher weder diagnostisch noch therapeutisch etwas unternommen. Die Vorstellung, dass allein die größer werdende Gebärmutter und die dadurch hervorgerufe-ne veränderte Statik alle Beschwerden erklärt, führt dazu, dass ein häufiger Faktor voll-kommen übersehen wird: die  zusätzlich Bandlockerung und eine damit verbundene funk-tionelle Störung der Wirbelsäule, die die Schmerzsymptomatik ebenfalls auslösen oder zumindest verstärken kann. Wird  jedoch an diese Problematik gedacht, kann den Betrof-fenen manualtherapeutisch sehr effektiv geholfen werden.

Die Schmerzsymptomatik kann in einigen Fällen so intensiv werden, dass diese den müt-terlichen Organismus in erheblichem Maße belastet und gefährden kann. Dem behan-delnden Arzt sind vielfach die Hände gebunden: eine weitergehende Diagnostik, vor allem mit Bild-gebenden Verfahren, ist kontraindiziert und eine medikamentöse Therapie nur eingeschränkt möglich, da auf der einen Seite eine Schädigung des Embryos vermieden werden muss und auf der anderen Seite viele Medikamente von der Schwangeren wegen einer Gefährdung von Leber und Niere nicht vertragen werden.

Die folgende Kasuistik soll nun auf ein Problem hinweisen, das bisher sicher sehr oft nicht erkannt wurde, obwohl die Diagnostik für Mutter und Kind vollkommen ungefährlich ist und mit seinen Behandlungsmöglichkeiten der schwangeren Mutter enorm helfen kann.

Erst in den letzten Jahren wird zunehmend die Bedeutung einer funktionellen Störung im Zervikalbereich und im kraniozervikalen Bereich als Ursache vieler Gesichtsschmerzen, Kopfschmerzen und Nackenschmerzen und auch Rückenschmerzen bis in den Beckenbe-reich erkannt. Von zahnärztlicher und auch von manualmedizinischer Seite wird nun auf die sehr enge, reflektorische Verbindung zwischen Kiefergelenksstörung und Kopfge-lenksstörung hingewiesen (12,16,20,21,26,31,32,35). Nahezu jede Kiefergelenksstörung geht mit einer funktionellen Kopfgelenksstörung einher und umgekehrt. Dies bedeutete, dass eine Kiefergelenksstörung zu einer Kopfgelenksstörung und somit zu Gesichts-, Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen führen kann. Dass diese in der Praxis täglich zu beobachtenden Zusammenhänge nicht erkannt werden, ist zum Teil mit der vollkommen getrennten Ausbildung in der Zahn- und Humanmedizin zu erklären. Nur ein Umdenken kann in vielen Fällen erst einem Schmerzpatienten helfen! Wenige medizinische Schulen versuchen inzwischen auf diese Problematik hinzuweisen. In der Literatur findet sich bis-her aber kein Hinweis, dass besonders in der Schwangerschaft die werdenden Mütter un-ter einer sehr stark belastenden Schmerzsymptomatik leiden können und diesen Patienten sehr effektiv  geholfen werden kann. Werden die physiologischen Veränderungen in der Schwangerschaft untersucht, wird deutlich, dass davon auszugehen ist, dass eine Schmerzsymptomatik in der Schwangerschaft auch auf eine funktionelle Störung im Be-reich der Wirbelsäule und der Kiefergelenke zurückzuführen ist. In verschiedenen Arbeiten wurde auf die Schmerzen im Beckenbereich hingewiesen, die durch eine Bandlockerung erklärt werden muss (2, 5, 22,27,30). Es muss angenommen werden, dass die Zusam-menhänge zwischen funktionellen Wirbelsäulenbeschwerden und craniomandibulären Dysfunktionen in der Schwangerschaft bisher, allein weil sie nicht beachtet wurden, nicht beschrieben wurden.

Die vorgestellt Kasuistik soll diese Problematik darstellen.

Frau MD, 31J., wurde von ihrer Frauenärztin wegen unerträglicher Schmerzen in der rech-ten Gesichtshälfte zur neuromuskulären Abklärung des Geschehens im Kieferbereich ü-berwiesen. Die erst Kontaktaufnahme erfolgte im Juli 2003. Zu dieser Zeit war die Patien-tin in der 6. Schwangerschaftswoche. Es wurden starke, anhaltende, ziehende, teilweise stechende Schmerzen im rechten Wangen-, Schläfen- und Augenbereich sowie Be-schwerden im rechten Ohr, dem rechten Kiefergelenk und den Zähnen auf der rechten Seite geklagt. Der Schmerz konnte nur durch Einnahme von Diclofenac erleichtert, aber nicht beseitigt werden. Ohne Einnahme des Medikamentes war ihr der Schmerz unerträg-lich. Wegen der Medikamenteneinnahme bauten sich Ängste bezüglich ihres, in ihrem Körper wachsenden Kindes, auf. Diese Ängste wurden durch eine, vor neun Monaten erlit-tene, Fehlgeburt verstärkt.  Vor der jetzigen Schwangerschaft war Frau MD sechs Monate schmerzfrei. Die Beschwerden waren früher schon mehrere Male aufgetreten, mit schmerzfreien Interfallen von mehreren Monaten.

Zahnärztliche Untersuchung und Diagnostik

Auf den ersten Blick zeigten sich bei der Erstuntersuchung „Bilderbuchzähne“ (Abb. 1und 2). Erst bei näherer Betrachtung wurden deutliche Zeichen von Störungen in der Kieferzu-ordnung sichtbar: Tiefbiss (Shimbashi-Dimension 14mm), Verschiebung der Unterkiefer-mitte, leichter Engstand in der Unterkieferfront, Schlifffacetten auf den Zahnflächen und beginnende Gingivarezessionen (Abb. 3, 4 und 5). Immer Zeichen, die mit craniomandibu-lären und craniocervicalen Dysfunktionen  einher gehen, auch wenn sich diese nicht im-mer in Form von Schmerzen äußern müssen. Die Inspektion der Körperhaltung zeigte u. a. tiefe Schulter rechts, Rundrücken, Beinlängenverkürzung rechts und Kopfvorhaltung (Abb. 6). Der Hüftabduktionstest nach Patrick-Kubis in der Modifikation von Marx (Priener Abduktionstest) (13) war mit einem Defizit von rechts 35°, links 35° nicht frei. Die Applied Kinesiology zeigte Störungen in beiden Kiefer- und Kopfgelenken. Der manuelle Funkti-onsstatus zeigte weiterhin eine ausgeprägte Palpationsempfindlichkeit der Kau-, Kopf- und Halsmukulatur. Beiderseits bestand ein deutliches funktionelles Defizit zwischen Okziput und C1. Knack- und Reibegeräusche waren in beiden Kiefergelenken wahrnehmbar. Beid-seitige anteriore Diskusverlagerung ohne Einschränkung der Mundöffnung. Dekompen-sierte Kapsulitis im rechten, kompensierte im linken Kiefergelenk. Seitenabweichung bei der Mundöffnung.

Im Rahmen der instrumentellen Funktionsuntersuchung wurden die Spannungen der Kau-, Kopf- und Halsmuskulatur vor und nach Entspannung der Kaumuskulatur gemessen (Abb. 7). Außerdem wurde die Beißkraft im Elektromyogramm dargestellt. Ist diese sehr niedrig, wie in Abb. 8 dargestellt, liegen in der überwiegenden Zahl der Fälle fehlerhafte Zahnkon-takte vor, die zu einer reflektorischen Verringerung der Kraft beim Zubeißen führen (14,16). Über die mandibuläre Kinesiographie wurden die Unterkieferbewegungen aufge-zeichnet, um neuromuskuläre und artikuläre Störungen beim Öffnen-, Schließen, bei Protrusion und bei Seitbewegungen zu ermitteln. Außer dem wurde die Ruhelage und Be-wegungsbahn des Unterkiefers vor und nach Entspannung der Kaumuskulatur verglichen (16). Es zeigte sich eine deutliche Retrallage des Unterkiefers in der gewohnheitsmäßigen Schlussbisslage (Abb. 10 und 11).

Bestimmung der neuromuskulär ausgerichteten Kieferzuordnung

Die Kaumuskulatur wurde 45 Minuten mit Hilfe niedrigfrequente TENS-Therapie ent-spannt. Die Wirkung niedrigfrequenter TENS-Therapie der Kaumuskulatur auf die Kau-, Kopf- und Halsmuskulatur wurde in zahlreichen Studien gezeigt (14,15, 16,33). Zur Ent-spannung wurde das Gerät der Fa. Schwa-medico ® verwendet (Abb. 9). Der Erfolg der Entspannung wurde über das Elektromyogramm der Kau-, Kopf- und Halsmuskulatur vor und nach niedrigfrequenter TENS-Therapie kontrolliert(Abb. 7). Die Applied Kinesiology zeigte nach der Entspannung keine Störungen mehr im Bereich der Kiefer- und Kopfge-lenke. Die Blockaden in der Hüfte waren deutlich reduziert. Der Hüftabduktionstest nach Patrick-Kubis zeigte rechts 10° und links 20° (vor der Entspannung zeigte der Test rechts und links 35°).

Nach der Entspannung wurde bei geöffnetem Mund ein Silikon auf die Zahnreihen des Un-terkiefers appliziert. Frau MD wurde gebeten langsam zu schließen und in der gewünsch-ten Bisshöhe vor erreichen des Zahnkontakt wurde sie gebeten einzuhalten. Die Kiefer-modelle wurden mit der so erhaltenen, neuromuskulär ausgerichteten Bissnahme zuge-ordnet. Abb. 10 a, b zeigt die gewohnheitsmäßige Schlussbisslage, Abb. 11 a, b die Kie-ferzuordnung nach Entspannung der Kaumuskulatur. In der habituellen Okklusion liegt der Unterkiefer deutlich zu weit hinten und der Biss ist zu tief.

Therapie und Beschwerdeverlauf

In der, in Abb. 11 dargestellten, neuromuskulär ausgerichteten Kieferposition wurde eine Aufbissschiene im Unterkiefer eingegliedert. Die Kauflächen wurden nach der Methode von Jankelson gestaltet und eingeschliffen (16,28).  Die Schiene sollte immer, außer zum Essen getragen werden. Am Tag nach Eingliederung der Schiene traten noch starke Schmerzen auf. Drei Tage nach Eingliederung waren keine Schmerzmittel mehr erforder-lich, der Schmerz war deutlich reduziert und ohne Schmerzmittel erträglich. Weitere drei Tage später traten die belastenden Schmerzen in der rechten  Gesichtshälfte nicht mehr auf, ebenso waren die Beschwerden im rechten Kiefergelenk, dem rechten Ohr und den Zähnen rechts verschwunden. Die Kontrolle der Beißkraft, 16 Tage nach Eingliederung der Aufbissschiene, zeigte, dass mit der Schiene keine Schutzreaktion mehr beim Zubei-ßen auftritt (Abb.12). Eine gute Beißkraft, die muskulär und okklusal nicht gestört ist, be-ginnt bei ca. 200 µv (28).

Im Rahmen der Kontrolluntersuchung, sechs Wochen nach Eingliederung der Aufbisss-chiene, teilte Frau MD mit, dass sie, entgegen der Empfehlung bei Eingliederung der Schiene, diese seit einigen Tagen nur noch nachts trage und diese Trageweise wegen der Beschwerdefreiheit auch weiterhin probieren möchte. Eine Woche später zeigten sich wieder die alten Beschwerden. Zusätzlich war eine Kieferklemme aufgetreten. Der Mund konnte nur noch 25 mm weit geöffnet werden (Abb.13). Die Einnahme von Schmerzmit-tel war wieder erforderlich. Die Kaumuskulatur wurde mit niedrigfrequenter TENS-Therapie entspannt (Abb. 9a,b). Zum Abpuffern der Zahnkontakte wurde ein Was-serkissen zwischen die Seitenzähne gelegt. Nach 1 ½ Stunden konnte wieder die normale Mundöffnung von 57 mm erreicht werden (Abb. 14) und die Schmerzen waren deutlich geringer.

Die Schiene wurde jetzt wieder, wie anfangs besprochen, außer zum Essen, immer getra-gen. Die ersten zwei Tage nach dem Auftreten der Kieferklemme sogar zum Essen, wobei in dieser Zeit nur weiche Kost erlaubt war. Nach diesen zwei Tagen wurden auch keine Schmerzmittel mehr benötigt. Die Beschwerden waren deutlich reduziert, traten aber a-bends beim Fernsehen im Halbliegen auf. Es zeigten sich dann Spannungen im Kiefer, die in das rechte Auge ausstrahlten und es trat Schwindel auf. Um keine Schmerzmittel neh-men zu müssen, ging Frau MD dann zu Bett, obwohl sie noch nicht müde war. Die Ver-spannungen konnten sich dort am besten auflösen. Auch wenn das Beschwerdebild so-weit verbessert werden konnte, dass keine Schmerzmitteleinnahme mehr erforderlich wurde, so war es dennoch nicht befriedigend gelöst und es trat die Befürchtung auf, dass es sich weiter verschlimmern könnte. Schon beim Eingliedern der Aufbissschiene wurde besprochen, dass auf Grund der Fehlstellungen im HWS-Bereich, speziell im Bereich der Kopfgelenke, eventuell eine Feineinstellung der neuromuskulär ausgerichteten Kaufläche empfehlenswert sei. Dies war in den ersten Wochen, als die Schiene immer getragen wur-de, nicht erforderlich. In dieser Zeit traten keinerlei Schmerzen oder Verspannungen auf. Nach Auftreten der Kieferklemme war der Bereich der Kiefer- und Kopfgelenke so stark traumatisiert, dass das Tragen der Schiene nicht mehr ausgereicht hatte, auch reflekto-risch den HWS-Bereich positiv zu beeinflussen. 11 Tage nach Auftreten der Kieferklemme erfolgte die Untersuchung des oberen HWS-Bereiches und Therapie der Kopfgelenke nach der Methode von Arlen. Vor der Therapie zeigte die Applied Kinesiology Störungen im rechten Kiefer- und Kopfgelenk, die danach nicht mehr nachweisbar waren. Der Hüf-tabduktionstest nach Patrick-Kubis war mit einem Defizit von rechts 35°, links 40° nicht frei. Nach Therapie der Kopfgelenke zeigte der Test eine Normalisierung, rechts 5°, links 5°. Nach der Therapie legte sich Frau MD ein Wasserkissen zwischen die Zahnreihen, um die Position im Kiefer- und Kopfgelenk bis zur Bissnahme zu stabilisieren. Die neuro-muskulär ausgerichtete Kieferzuordnung nach Therapie der Kopfgelenke ist in Abbildung 15 a, b dargestellt.

Die Schiene wurde in der, in Abb. 15a,b dargestellten Position neu eingestellt. Sofort nach  Eingliederung der Schiene traten keine Beschwerden mehr auf, auch nicht mehr abends beim Fernsehen in halbliegender Position. Es war abgesprochen, dass die Schiene nach der Reokklusion wieder zwei Tage lang auch zum Essen getragen werden sollte, danach durfte sie zum Essen wieder herausgenommen werden. Unmittelbar nachdem die Schiene zum Essen herausgenommen wurde, stellten sich die alten Beschwerden wieder ein. Der Bereich der Kopfgelenke erlitt beim Essen ohne Schiene eine erneute Störung. Die Thera-pie dieses Bereiches wurde unverzüglich eingeleitet und von da an die Schiene auch zum Essen immer getragen. Außerdem wurde ihr eine Ersatzschiene angefertigt, für den Fall, dass die ja nun immer getragene Schiene Verschleißerscheinungen aufweisen könnte und das Schmerzbild wiederkehren sollte.  
Nach Beendigung der Schwangerschaft sollte eine kieferorthopädische Einstellung der neuromuskulär ausgerichteten Kieferposition erfolgen. Das letztes Treffen mit Frau MD er-folgte 05/04. Zwischenzeitlich war sie Mutter eines gesunden Kindes geworden (Abb. 16).

Die Schiene wird bis zum heutigen Zeitpunkt auch zum Essen immer getragen. Die ent-sprechenden kieferorthopädischen Schritte werden demnächst eingeleitet.

Diskussion des Beschwerdebildes

Einerseits führt die Belastung durch den vorgewölbten Bauch ab dem 6., 7. Schwanger-schaftsmonat zu einer besonderen Belastung der Lendenwirbelsäule, so dass nahezu jede Schwangere in diesem Abschnitt unter Rückenschmerzen leidet. Derartige Schmerzen werden wie die in den ersten Monaten auftretenden Übelkeit und Kopfschmerzen als „phy-siologisch“ angesehen. Die verschiedenen Schmerzbilder in der Schwangerschaft werden sehr schnell als „normal“ bezeichnet und daher weder diagnostisch noch therapeutisch etwas unternommen. Die Vorstellung, dass allein die größer werdende Gebärmutter und die dadurch hervorgerufene veränderte Statik alle Beschwerden erklärt, führt dazu, dass ein häufiger Faktor vollkommen übersehen wird: die  zusätzlich Bandlockerung und eine damit verbundene funktionelle Störung der Wirbelsäule, die die Schmerzsymptomatik e-benfalls auslösen oder zumindest verstärken kann. Im vorliegenden Fall finden sich Tief-biss, Retrallage des Unterkiefers und andere, hier aufgezeigte und objektivierte Zahnfehl-stellungen, die zu neuromuskulären Störungen in der Kiefer- und Halsmuskulatur führen. Hieraus entwickeln die Kiefer- und Kopfgelenke eine pathologische Position und Funktion. Ebenso können craniocervicale Dysfunktionen Kiefergelenkfehlstellungen auslösen. Cra-niomandibuläre und/oder craniocervicale Dysfunktionen führen häufig zu den vorliegenden Beschwerdebildern. In der Schwangerschaft kann kaum entschieden werden, ob die hor-monell bedingte Bandlockerung das gesamte Krankheitsbild ausgelöst hat, oder aber eine vorbestehende CMD die in der Schwangerschaft anfällig gewordene Wirbelsäule erst kli-nisch die sehr ausgeprägte Schmerzsymptomatik hervorgerufen hat.

Sicher bestehen die craniomandibuläre Dysfunktion und die funktionelle Kopfgelenksstö-rung schon viele Jahre. So berichtete die Patientin auch, dass sie schon früher unter mo-natelangen Schmerzepisoden gelitten habe. In vielen Fällen kann aber ein Körper solche funktionellen Störungen soweit kompensieren, dass eine subjektive Beschwerdefreiheit er-reicht werden kann. Nur „geringfügige“ Faktoren wie zum Beispiel eine neue Zahnfüllung, oder eine minimale Erschütterung des Halteapparates, z.B. umknicken des Fußes, oder aber auch eine vermehrte Stressbelastung und im vorliegenden Fall eine Schwangerschaft  können zu einer Dekompensation des gestörten Systems im Kiefer-, Kopfgelenkbereich führen. Bei der vorgestellten Patientin muss vor allem aber an eine hormonell bedingte Bindegewebslockerung gedacht werden, die  diese Dekompensation herbeigeführt hat.

Ziel der ärztlichen Diagnostik und Behandlung muss es also sein, die Grunderkrankung, die craniomandibuläre Dysfunktion, zu erkennen und zu behandeln, und nicht die vorder-gründigen, aber sekundären Faktoren anzugehen. Diese banal erscheinende Feststellung gilt insbesondere für die häufigen Störungen im Kiefer- und Kopfgelenksbereich, da diese Störungen mit den heutigen Untersuchungsmöglichkeiten sicher objektiviert und dann kausal behandelt werden können. Oft  ist so eine anhaltende Beschwerdefreiheit zu errei-chen, ohne in den Organismus mit Medikamenten eingreifen zu müssen. Von Bedeutung ist aber auch, dass die Diagnostik der funktionellen Wirbelsäulenstörungen und der funkti-onellen Kiefergelenksstörung sicher und ohne Belastung, weder für die Mutter noch für das Kind erfolgen kann.

Die Abb. 17 und 18 sind dem Buch "Der etwas andere Kopf- und Gesichtsschmerz" (ISBN 3-00-008243-3) entnommen (Infos unter www.ICCMO.de) und zeigen die Wechselwirkung zwischen der Fehlstellung des Unterkiefers und des Haltungsapparates.

Fazit für die Praxis

Der Schmerz ist primär ein Alarmsymptom für eine Störung oder eine Überbelastung des Organismus. Aus der Schmerzforschung und den Erkenntnissen über die Neuroplastizität ist bekannt, dass sich ein Schmerz binnen kurzer Zeit verselbstständigen kann. In diesen Fällen und vor allem, wenn die auslösende Ursache für den Schmerz nicht gefunden wird, muss das oberste ärztliche Ziel sein, eine weitgehende Schmerzfreiheit zu erreichen. Dies ist in vielen Fällen mit einer ausreichenden medikamentösen Schmerztherapie möglich. Diese pharmakologischen Möglichkeiten führen aber nicht selten dazu, dass das primäre Ziel des ärztlichen Handelns, das Erkennen und die Behandlung der den Schmerz auslö-senden Störung, aus dem Auge verloren wird. Besonders für den Gesichts- und Kiefer-schmerz, aber auch für den Kopf-, Nacken- und Rückenschmerz wird zunehmend die Be-deutung der Craniomandibulären und der kraniocervialen Dysfunktion erkannt. Bei diesen Störungen steht uns heute eine solide Diagnostik und vor allem auch eine sehr effektive, nicht medikamentöse Behandlung zur Verfügung.

Die vorgestellte Kasuistik mit der ausgeprägten Schmerzsymptomatik lässt erkennen, dass eine Schwangerschaft eine bestehende CMD dekompensieren lassen kann. Es ist bisher nicht zu entscheiden, ob die hormonelle Bandlockerung direkt die Craniomandibulä-re Störung auslöst, oder aber die CMD nur Folge der Becken- und Wirbelsäulenstörung ist. Die Behandlung der CMD mit einer Aufbissschiene ermöglicht auch in der Schwanger-schaft eine medikamentenfreie erfolgreiche Therapie.

Die Ausführungen über die Bandlockerung während der Schwangerschaft, aber auch schon während eines Menstruationszyklus mahnen, dass in der Schwangerschaft, aber auch bei Regel-abhängigen funktionellen Wirbelsäulenstörungen Weichteiltechniken bei der Behandlung im Vordergrund stehen müssen.

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Schwangerschftsschmerzen

 

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