Dr. Bernard Jankelson 1902-1987

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Rainer Schöttl, D.D.S.(USA)

Zwar hat Dr. Bernard Jankelson im Lauf seines langen Berufslebens etliche Beiträge zu diversen Themen veröffentlicht, aber nirgendwo wurden diese vollständig gesammelt und über seine Person findet man nicht viel geschrieben. Die ersten Ausgaben des MYOBYTE Magazins dürften die einzigen Publikationen im deutschen Schrifttum enthalten, die sich näher mit dieser schillernden Person und ihrer Myozentrik befasst haben. Gerade im deutschen Sprachraum, wo die aus den USA herüberschwappende Welle der Gnathologie alle zuvor existierenden Gedanken zur Funktion des menschlichen Kausystems in Vergessenheit geraten ließen, wurde Jankelsons Myozentrik stets kritisch gesehen, da sie nicht mit einer definierbaren Position der Kiefergelenke und der ihnen zugesprochenen Scharnierachse einher ging.

Der Beginn des beruflichen Lebens Jankelsons fiel in eine Zeit, als der Nordwesten der USA noch ein „Territorium“ war, noch nicht einmal komplett erkundet und kartographisch erfasst, gewissermaßen also in die Endphase des „Wilden Westens“. Hauptanforderung an Zahnärzte war in dieser Zeit die Extraktion vereiterter Zähne und die Wiederherstellung der Kaufähigkeit mit Teil- und vor allem Vollprothesen.

Schon bald erkannte Jankelson, dass fortschreitender Zahnverlust oft mit Verschiebungen der Bisslage einhergeht und es bei der Herstellung entsprechender Prothesen nicht immer dienlich ist, solch verschobene Bisslagen aufzunehmen. Eine mögliche Antwort kam aus dem Südwesten der USA, wo Dr. Beverly McCollum eine Methode propagierte, bei der die Kiefergelenke, die er für unveränderlich hielt, die nötigen Daten liefern sollten, um den Biss wieder richtig einzurichten. Jedoch empfand Jankelson diese Methode, die sich später den Namen „Gnathology“ gab, als unzulänglich, denn sie enthielt die Notwendigkeit der Kieferverschiebung durch den Zahnarzt, der nun damit beginnen sollte, Bisse, die kaum durch Zahnverlust beeinträchtigt waren, zu verschieben, um die von McCollum postulierte „hinge axis“ (später in deutsch „Scharnierachse“) zu bestimmen.

Jankelson war bemüht, statt dessen eine Möglichkeit zu finden, um bereits erfolgte Verschiebungen im Biss auszugleichen, ohne ihnen zusätzlich manipulierte Verschiebungen aufzusatteln. Hierfür musste die Kaumuskulatur, welche solche Verschiebungen aufrecht erhält, gelöst werden, um dem Unterkiefer die Möglichkeit zu geben, sich ausgeglichenen Muskelzügen folgend wieder neutral zum Schädel einzustellen.

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Der Myomonitor J1 Prototyp

Als Beginn der Myozentrik wird daher das Jahr 1967 gesehen, in dem es ihm gelang, ein TENS-Gerät herzustellen, das mit langsam getakteten Impulsen tatsächlich die ersehnte Entspannung der Kaumuskulatur herbeiführen konnte. Da mit diesem wundersamen Gerät tatsächlich Veränderungen in Kieferposition durch die Regulierung der Spannung der auf ihn einwirkenden Muskelzüge bewirkt werden konnten, war schnell ein einprägsamer Name dafür gefunden: „Myomonitor“.

Zur Entwicklung dieses Geräts hatte Jankelson eine kleine Firma gegründet, die er „Myotronics Inc.“ nannte und die seinen Myomonitor bald in Serie bauen sollte. Jedoch war die vielfältige Beweglichkeit des menschlichen Unterkiefers, welche schon seit Bonwill für kontroverse Diskussionen sorgte, auch für Jankelson ein Problem. Er wollte gerne erkennen können, ob der Unterkiefer seiner Patienten während der Bissregistrierung tatsächlich in der entspannten Position verblieb, oder sie verließ und suchte nach einer Möglichkeit, die Unterkieferposition in drei Dimensionen darzustellen, ohne sie dabei zu verfälschen.

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Eine Flaute beim örtlichen Flugzeugbauer Boeing brachte ihn mit dem Instrumentenmechaniker Carol Swain zusammen, der wusste, wie man Magnetfelder mit hoher Präzision messen konnte. 1974 gelang es schließlich mit dem „Mandibular Kinesiograph 2“ (K2) die vielfältigen Schwierigkeiten bei dieser Magnetfeldmessung gut genug in den Griff zu bekommen, um die erste Kleinserie auf den Markt zu bringen. Rasch folgten Verbesserungen, welche das System kleiner und praxistauglicher machte, bis hin zum Modell K5, das mit einem Oszilloskop betrieben wurde und ab 1975 auch international Aufmerksamkeit fand.

Typisch für den Pionier Jankelson war es, dass er sofort den Wert von Computern zu Verarbeitung und Speicherung von solchen Bewegungsdaten erkannte. Schon das Modell K4 wurde mit einem Magnetbandspeicher verbunden, erwies sich aber als zu komplex in seiner Bedienung, um verkäuflich zu sein. Jedoch gab es bereits in den frühen 80er Jahren ein Interface für den K5 zum Apple II Personal Computer, eines der ersten computergestützten Geräte für die Zahnarztpraxis überhaupt!. 

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Dr. Bernard Jankelson bei einem Interview mit Rainer Schöttl 1986

Gegen Ende der 70er Jahre stellte Jankelson den Elektronikingenieur Fray Adib ein, denn er brachte das Know-how für elektromyographische Messung von Muskelspannungen mit sich. Auch diese Messungen stellen technisch eine große Herausforderung dar, denn die zu messenden Spannungen liegen im Bereich von Millionstel Volt. Jedoch war 1986 mit dem K6 das erste integrierte Gerät zur Messung von Kieferbewegungen und Muskelspannungen zur Marktreife gelangt, zunächst im Verbund mit einem Apple 2 GS Computer. Jedoch war die Firma Apple inzwischen in finanzielle Schwierigkeiten geraten, so dass Jankelson noch im gleichen Jahr mit Kevin Houck einen erfahrenen Software Ingenieur von der Firma Microsoft abwarb, um sein K6 System an so genannte „IBM kompatible Computer“ anzupassen. Im Frühjahr 1987 starb Jankelson. Er war bis zuletzt beruflich engagiert.

Bernard Jankelson unterrichtete in zahllosen Fortbildungen und Vorträge nicht nur seine Myozentrik, sondern gesamte Behandlungsverläufe von der Diagnose bis zur Umsetzung mit einem von ihm eigens entwickelten Okklusionskonzept. Dabei ging er Auseinandersetzungen nie aus dem Weg, auch nicht mit einflussreichen Universitätsprofessoren, die ihn immer wieder mit ihren gnathologischen Dogmen herausforderten. Dies führte zu einer Polarisierung seines Andenkens: Auf der einen Seite hinterließ er glühende Anhänger, auf der anderen aber auch erbitterte Feinde. Teilweise sind Spuren davon bis heute erhalten geblieben, wenn man auf Ablehnung seiner Myozentrik bei Leuten stößt, die keine genaue Vorstellung davon haben, worum es dabei geht. Verfechter seiner Lehre sind hingegen nicht selten Kollegen, welchen die Myozentrik oft nach langer Suche die Lösung eigener Probleme gebracht hat.


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