Elektronische Messungen

k5

Rainer Schöttl, D.D.S.(USA)

Die Myozentrik fand ihre internationale Verbreitung gegen Ende der 70er Jahre  mit dem von Bernard Jankelson entwickelten Mandibular Kinesiograph K5. Damit stand Zahnärzten erstmals die Möglichkeit zur elektronischen Vermessung von Kieferbewegungen zur Verfügung, zu einer Zeit, als man sich in der zunehmend etablierten Gnathologie noch mit mechanischen Geräten für die Axiographie abmühte.

„Space Age comes to Dentistry“ war einer der Werbeslogans Jankelsons Firma, Myotronics, Inc., die den K5 produzierte und vertrieb. Und tatsächlich: Zahnärzte mussten lernen, mit einem Oszilloskop umzugehen, wenn sie diese Technik einsetzen wollten! Viele Spuren aus dieser Zeit sind heute noch in der Software der K7 Geräte zu erkennen.

Jedoch haben sich die Zeiten geändert und Computer stehen heute praktisch in jeder Zahnarztpraxis, werden inzwischen für die Bildgebung und natürlich auch für die gnathologische Axiographie genutzt. Wo liegen die Unterschiede zu den Messungen in der Myozentrik?

Die Entwicklung von elektronischen Messungen für die Myozentrik lässt sich in einem an der Okayama University unter der Leitung von  Prof. Yamashita (Gründungsmitglied des ICCMO und Gründer der japanischen Sektion) erarbeiteten Artikel besonders gut nachvollziehen. Es geht um die Folgeuntersuchung eines CMD-Patienten 30 Jahre nach seiner myozentrischen Bisseinstellung, in der elektronische Messungen von damals mit neueren verglichen werden. Die Ursprungsdaten liegen als Polaroidbilder vor, welche mit einem speziellen Aufsatz vom Oszilloskop des K5 abfotographiert wurden, spätere Aufzeichnungen dann in Form von magnetisch gespeicherten elektronischen Daten. 

Der Artikel ist aus mehreren Gründen informativ, denn er zeigt nicht nur die Evolution der Messtechnik in der Myozentrik im Lauf der 30 Jahre, sondern dokumentiert auch klinische Abläufe und die langfristige Stabilität, die erreicht werden kann, wenn der Biss so eingestellt wird, dass die beteiligte Muskulatur zur Ruhe kommen kann. Schließlich zeigt er auch, was es in der Myozentrik wert ist, gemessen zu werden und gewährt somit Einblicke, worum es eigentlich geht.

„If it has been measured, it is a fact; if not, it is an opinion“ ist ein oft zitierter Ausspruch von Bernard Jankelson, der leider auch im Lauf der Jahre als Werbeslogan von Händlern zum Verkauf seiner Geräte etwas überstrapaziert wurde. Natürlich können Messungen Fehler aufweisen, egal, mit welchem Gerät sie durchgeführt werden. Und Messungen können nie ärztliche Erfahrung und Sorgfalt ersetzen. Sie unterscheiden sich dadurch dramatisch von einem Navigationsgerät, das auch den völlig Ortsunkundigen zuverlässig ans Ziel führt. Dennoch können sie, richtig eingesetzt, wichtige Entscheidungshilfen bieten.

Und noch ein weiterer Punkt darf nicht unbeachtet bleiben: Durch die weltweit ungezählte tägliche Anwendung dieser Messungen akkummuliert sich ein riesiger kollektiver  Erfahrungsschatz, der auch in zahlreichen Publikationen mündet. Wird z. B. über die angebliche Effizienz von Muskelentspannung mit bestimmten TENS-Gleitfrequenzen spekuliert, so stehen dieser Vermutung abertausende von tatsächlichen EMG-Messungen gegenüber, wenn Myozentriker weltweit jeden Tag mit ungezählten Scan 9/10 den Effekt der niederfrequenten TENS-Therapie mit Einzelimpulsen an ihren Patienten überprüfen!

Diese Messungen dienen  in der Myozentrik der unmittelbaren Kontrolle der Behandlung und unterscheiden sich dadurch von Messungen zur Einstellung von Artikulatorwerten, deren Relevanz für das Endergebnis vermutet wird, letzten Endes aber nicht belastbar belegt ist.

In der Folge sollen die wichtigsten Messungen, die seit den 90er Jahren nicht mehr „Photos“ sondern „Scans“ genannt werden, erläutert werden:


©2019 ICCMO, Sektion Deutschland, e. V., Schuhstr. 35, D-91052 Erlangen. |Impressum | AGB | Datenschutz